Kritikfähigkeit: Kritik professionell äußern und annehmen

Birgit Mauroner • 15. Juli 2026

Kritikfähigkeit ist eine Sozialkompetenz, die im Berufsleben sehr gefragt ist. Schließlich ist es ganz normal, dass hier verschiedene Sichtweisen und Interessen aufeinandertreffen. Dennoch ist Kritikfähigkeit eine Kompetenz, bei der viele Menschen offen zugeben, dass sie Defizite habe. 


Es ist nicht einfach, Kritik einzustecken, schließlich wird dadurch unser Selbstwertgefühl in Frage gestellt. Manchen Menschen fällt es auch schwer, Kritik auszusprechen, um andere nicht zu verletzten. Andere wiederum äußern Kritik in einer so vernichtenden Form, dass sie die Vertrauensbasis zu ihrem Gegenüber zerstören. Es lohnt sich also, Kritikfähigkeit in allen Facetten genauer zu beleuchten.

Kritikfähigkeit hat eine aktive und eine passive Komponente

Die Kritikfähigkeit eines Menschen kann von zwei Seiten betrachtet werden.



  • Sie umfasst eine aktive Komponente mit der Fähigkeit, Kritik konstruktiv zu äußern, so dass andere Menschen sie als hilfreich empfinden.
  • Hinzu kommt eine passive Komponente mit der Fähigkeit, Kritik angemessen anzunehmen und sie auch als Hilfe zu betrachten.

Ist Kritik immer etwas Negatives?

Lassen Sie uns zunächst die negative Betrachtungsweise von Kritik relativieren. Das Wort „Kritik“ geht auf das griechische Wort „kritikē“ zurück und steht für die Kunst des Beurteilens.


Wir beurteilen eine Person, Sache, Leistung oder Handlung immer nach unseren eigenen Maßstäben, Werten und Denkmustern. Wenn wir Kritik äußern, ist das also eine subjektive Wertung. In ihrer ursprünglichen Bedeutung kann Kritik sowohl eine positive als auch eine negative Beurteilung sein. Es geht darum, jemandem zurückzuspielen, wie man selbst sein Verhalten empfindet. Im Idealfall geschieht dies in der guten Absicht, positive Verhaltensweisen zu bestärken und negative Verhaltensweisen aufzudecken, um Raum zur Verbesserung zu geben.


Die Rückbesinnung auf den Wortursprung zeigt, dass jede Kritik einen wohlwollenden oder einen zerstörenden Hintergrund haben kann, je nach Absicht des Kritikgebers. Um die Haltung des Kritikers zum Ausdruck zu bringen, sprechen wir daher von konstruktiver und destruktiver Kritik.


Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich das Wort Kritik jedoch für eine rein negative Beurteilung eingebürgert. Bei einer positiven Beurteilung sprechen wir dagegen eher von Lob oder Anerkennung.

 

Dass konstruktive Kritik einen bereichernden und wertvollen Beitrag leistet, übersehen wir leicht dabei. Bei der aktiven Kritikfähigkeit sollten wir daher genau diesen Aspekt im Auge behalten. 

Aktive Kritikfähigkeit: Kennzeichen konstruktiver und destruktiver Kritik

Schaubild vergleicht konstruktive und destruktive Kritik und zeigt, wie Feedback Entwicklung fördert oder Vertrauen blockiert.

Konstruktive Kritik

Konstruktive Kritik wird aus einer wohlwollenden Haltung heraus geäußert, die der Kritikgeber auch durch seine Wortwahl, seinen Tonfall und seine Körpersprache zum Ausdruck bringen sollte. Die Gesprächspartner befinden sich dabei auf Augenhöhe. 


Bei einer konstruktiven Kritik erklärt der Kritikgeber seine subjektive Beurteilung von Verhaltensweisen und Ereignissen, ohne den anderen als Person zu verurteilen. Sie zeigt dem anderen seine „blinden Flecken“ auf, also Verhaltensweisen, die ihn ausbremsen, derer er sich aber vielleicht gar nicht bewusst ist. 


Ziel ist es, dem anderen die Chance zu geben, zu wachsen und sich zu verbessern. Konstruktive Kritik enthält daher auch Lösungsansätze und bietet Raum, diese mit dem Gegenüber zu diskutieren.

Destruktive Kritik

Destruktive Kritik zielt oft nicht auf Verhaltensweisen, sondern auf die Persönlichkeit des Gegenübers. Sie geschieht von oben herab und greift damit das Selbstwertgefühl des Gegenübers an. Vernichtende Kritik ist ein Inbegriff dieser Art zu kritisieren. Besonders Kritik, die in scharfem, vorwurfsvollem Ton geäußert wird, zwingt den anderen dazu, Widerstand zu leisten.


Oft enthält destruktive Kritik auch Verallgemeinerungen wie „immer sind Sie unpünktlich“ oder „nie kann man sich auf Sie verlassen“. 


Gegen destruktive Kritik wehren Menschen sich instinktiv, um sich zu schützen.

Instinktive Reaktionen auf destruktive Kritik

Eine destruktive Kritik ist ein Angriff auf unser Selbstwertgefühl. Wir möchten als soziale Wesen nämlich gerne anerkannt und geliebt werden. Destruktive Kritik ist eine Abwertung, auf die Menschen instinktiv nach einem der folgenden Muster reagieren:


  • Gegenangriff: Verbal zurückschlagen, schreien, den Kritiker verunglimpfen, Rechtfertigungen, 
  • Flucht: Sich aus der Situation ziehen (Hörer auflegen, gehen), Ausflüchte, Vorwürfe ableugnen, die Schuld auf andere abwälzen
  • Erstarren: Abprallen lassen, beleidigt sein, blocken, ignorieren

Konstruktive Kritik kann man lernen: 7 Grundregeln

Die aktive Kritikfähigkeit lässt sich gut üben. Hier sind 7 einfache Grundregeln. Wenn Sie diese beherzigen, kann Ihr Gegenüber Ihre Kritik leichter annehmen. 

  • 1. Positive Absicht

    Denken Sie daran: Sie möchten Ihrem Gegenüber helfen und nicht vernichten. 


    Drücken Sie Ihre gute Absicht auch aus, mit Worten, im Tonfall, mit ihrer Mimik und Gestik. Machen Sie klar, dass es Ihnen um Verbesserung geht.

  • 2. Unter 4 Augen


    Äußern Sie Kritik immer in einem persönlichen Gespräch und nie vor Dritten und sorgen Sie für ein ruhiges Umfeld. 


    Nehmen Sie sich auch ausreichend Zeit dafür.

  • 3. Sachlich und konkret


    Ihre Beurteilung sollte sich stets auf sachliche Beobachtungen beziehen, die Sie so präzise wie möglich beschreiben. 


    Vermeiden Sie Verallgemeinerungen wie „immer“, „ständig“ und „nie“, sondern schildern Sie, wie Sie die Situation erlebt haben


  • 4. Ich-Form


    Konstruktive Kritik wird in der Ich-Form geäußert. Beschreiben Sie neben Ihren Beobachtungen auch Ihre Gedanken. Bedürfnisse und Gefühle. Vermitteln Sie so Ihren Standpunkt. 


    Verurteilen Sie nicht durch Du-Botschaften und lassen Sie so dem Anderen Raum für seine eigenen Rückschlüsse.

  • 5. Zeitnah, aber nicht ungefragt

    Kritik sollte zeitnah erfolgen. Ansonsten könnte es dazu kommen, dass sich Unmut anstaut.


    Andererseits sollten Sie das Gespräch nicht führen, wenn Sie verärgert sind. 


    Genauso wenig ist es sinnvoll, jemanden zu kritisieren, der gerade ohnehin am Boden zerstört ist. 


    Vereinbaren Sie daher im Zweifelsfall lieber einen Termin für das Gespräch, indem Sie z.B. fragen: Ich biete Ihnen an, Ihnen ein Feedback zu dieser Angelegenheit zu geben. Passt es Ihnen morgen um 9 Uhr?

  • 6. Emotionen sind ein positives Signal

    Nur sehr selten machen Menschen Fehler mit Absicht. Reagiert Ihr Gegenüber auf die Kritik emotional, ist das eine verständliche Reaktion. 


    Akzeptieren Sie, dass Ihr Gegenüber Scham, Ärger, Traurigkeit, Angst oder Unsicherheit empfindet. 


    Bringen Sie zum Ausdruck, dass diese Gefühle für Sie nachvollziehbar sind und sagen Sie zum Beispiel: Es ehrt Sie, dass Sie das Feedback ernst nehmen. Ich schätze es, wie wichtig Ihnen die Qualität Ihrer Arbeit ist. Lassen Sie uns gemeinsam überlegen, was für Lösungswege wir finden.

  • 7. Lösungsorientiert

    Äußern Sie Verbesserungsvorschläge und bitten Sie den anderen, sich an einer Lösung zu beteiligen.


    Lassen Sie sich für diese Lösungsfindung ausreichend Zeit und beenden Sie das Gespräch immer positiv und zuversichtlich.

Unser Tipp: Feedback-Regel nach Rosenberg

Marshall B. Rosenberg gibt in seinem Standardwerk „Gewaltfreie Kommunikation“ einen vierstufigen Leitfaden, der sich auf jedes Kritikgespräch anwenden lässt. Äußern Sie Ihre Kritik nach dem folgenden Schema, so erhält Ihr Gegenüber Raum, die Kritik auch anzunehmen:

Schritt 1: Beobachtungen schildern

Was habe ich beobachtet? Was wurde gesagt? Was wurde gemacht? An was erinnere ich mich genau? 


Wichtig ist dabei der Verzicht auf jegliche Wertung, Vorwürfe und Verurteilungen. 


Ein Beispiel: Mir ist aufgefallen, dass Sie im Kundengespräch die Augen gerollt haben, als der Kunde von seinen Erfahrungen berichtet hat, und mehrfach auf die Uhr geschaut haben.

Schritt 2: Ihre Gefühle in dieser Situation

Was habe ich in diesem Moment empfunden? Wie ging es mir?


Hier arbeiten Sie bewusst mit Ich-Botschaften. Trennen Sie in diesem Schritt Ihre Gefühle von Ihren Gedanken und Bedürfnissen. Dieser Schritt fällt vielen Menschen nicht leicht, ist aber eine gute Methode, um Empathie auszudrücken.


Ein Beispiel: Ich war peinlich berührt in diesem Moment. Gleichzeitig war ich verärgert.

Schritt 3: Ihre Bedürfnisse und Werte

Was brauche ich? Was ist mir wichtig?


Negative Gefühle entstehen, weil unsere Bedürfnisse nicht befriedigt wurden. Erklären Sie daher, was Ihnen wichtig ist. Auch in diesem Schritt arbeiten Sie mit Ich-Botschaften und geben damit eine Begründung für Ihre Gefühle.


Ein Beispiel: Ich war beschämt und wütend, weil mir wichtig ist, dass unsere Kunden mit Respekt und Verständnis bedient werden. Es ist mir ein besonderes Anliegen, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit zu geben, damit sie sich bei uns gut beraten fühlen.

Schritt 4: Äußern Sie eine Bitte 

Nennen Sie konkrete Handlungen, von denen Sie sich wünschen, dass der andere Sie erfüllt. Eine erste Bitte kann die um Offenheit sein.


Ein Beispiel: Können Sie mir bitte erzählen, wie diese Situation zustande kam?


Weitere Bitten können sich auf die zukünftigen Handlungen richten. 


Ein Beispiel: Ich möchte Sie bitten, unseren Kunden Zeit zu geben, sich zu äußern.


Diese Art der Kritik gibt Ihrem Gegenüber die Chance, das Gesicht zu wahren und die eigene Bewertung der Situation offen zu schildern. So können beide Seiten aus der Situation lernen.

Passive Kritikfähigkeit: 7 Regeln, um Kritik angemessen anzunehmen

Selbstverständlich ist es viel einfacher, konstruktive Kritik anzunehmen. Viel schwieriger ist es, auf destruktive Kritik angemessen zu reagieren. Doch wir können uns unsere Kritikgeber nicht immer aussuchen und brauchen auch in diesen Fällen eine gute Kommunikationsstrategie.


Es ist letztendlich unsere persönliche Entscheidung, wie wir reagieren und mit der Kritik umgehen. Egal, in welcher Form Kritik auf Sie zukommt, diese 7 Regeln helfen Ihnen, Kritik mit Stil anzunehmen.

  • 1. Zuhören und ausreden lassen

    Hören Sie aktiv zu, was der Kritikgeber Ihnen zu sagen hat. Fallen Sie ihm nicht ins Wort und bemühen Sie sich ruhig und aufmerksam zu bleiben. 


    Sehen Sie in der Kritik die Chance zur Verbesserung. 


    Tipps zum aktiven Zuhören finden Sie hier.

  • 2. Nachfragen und verstehen


    Stellen Sie höfliche und konkrete Verständnisfragen: Was genau habe ich an der Stelle getan oder gesagt? Versuchen Sie, so gut wie möglich nachzuvollziehen, was die Kritik ausgelöst hat.


    Sagen Sie zum Beispiel: Ich möchte verstehen, was Sie so verärgert hat? 


    Konkrete Fragen signalisieren dem Kritiker, dass Sie gut zuhören und die Kritik ernst nehmen. 

  • 3. Keine Ausreden und Rechtfertigungen


    Vermeiden Sie lange Rechtfertigungen und Ausreden. Gerade konstruktive Kritiker blicken lieber nach vorne als zurück. 


    Geben Sie eine kurze Begründung, warum Sie in der Situation so gehandelt haben und wie sie sich gefühlt haben. Arbeiten Sie dann an der Lösung weiter.

  • 4. Keine Schuldzuweisungen


    Vermeiden Sie Schuldzuweisungen auf Kollegen, den Kritikgeber oder auf Kunden. 


    Sätze wie „Daran sind Sie doch selbst schuld“ oder „Der Kunde ist einfach nervig“ helfen Ihnen nicht weiter. 


    Bleiben Sie professionell und übernehmen Sie Verantwortung für Ihren Anteil am Geschehen. 


    Entschuldigen Sie sich, wenn Sie selbst Fehler gemacht haben. 


    Wenn Sie keine Schuld empfinden, dann drücken Sie Ihr Bedauern darüber aus, dass Sie die Bedürfnisse des Kritikers nicht erfüllt haben.

  • 5. Gefühle sind erlaubt

    Sie dürfen sagen, wenn Sie enttäuscht oder verwirrt sind, wenn Sie sich schämen oder Angst haben, wenn Sie wütend auf sich selbst oder auf andere Menschen sind. 


  • 6. Bedanken Sie sich! Die Königsklasse!

    Konstruktive Kritik ist ein Geschenk. Bedanken Sie sich für die Offenheit. Sie gibt Ihnen die Chance sich weiterzuentwickeln und stärkt ihre Selbstreflexion. 


    Schon oft hat Kritik Menschen weitergebracht als ein Lob. 

  • 7. Arbeiten Sie aktiv an der Lösung mit

    Suchen Sie gemeinsam nach Verbesserungsmöglichkeiten. Diskutieren Sie Lösungswege und blicken Sie nach vorn. 


    Zeigen Sie Ihre Souveränität und Professionalität.

Denken Sie an dieses Sprichwort:


 „Kritik ist kein Gift, sondern Medizin, auch wenn sie bitter schmeckt.“

Was, wenn Sie die Kritik nicht nachvollziehen können?

Passive Kritikfähigkeit heißt nicht, dass Sie jegliche Form der Kritik annehmen müssen. Vielmehr geht es darum, Kritik, die sachlich formuliert und zudem nachvollziehbar ist, zu überdenken und die eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. 



Kritik ist die Bewertung aus der Sicht einer anderen Person. Sie können auch zu dem Schluss kommen, dass Sie anderer Meinung sind. Bedanken Sie sich in diesen Fällen für die Offenheit und stellen Sie ruhig klar, dass Sie eine andere Meinung vertreten. Nutzen Sie zum Beispiel eine Formulierung wie: "Wir sind in diesem Punkt offenbar nicht einer Meinung. Ich schätze jedoch den offenen Austausch mit Ihnen."

Gelebte Kritikfähigkeit stärkt Beziehungen

Nach einem Kritikgespräch ist es sinnvoll, wenn beide Seiten schnell wieder den Kontakt zueinander aufnehmen. Wenn die Kritik wohlwollend und konstruktiv geäußert wurde und auch als Geschenk angenommen wurde, stärkt der offene Austausch die Beziehung. 


Schließlich ist Kritikfähigkeit keine Einbahnstraße. Beide Seiten können aus einem fairen Austausch von Bewertungen und Meinungen lernen und wachsen. 


Lassen wir einem großen Denker das letzte Wort zum Thema Kritikfähigkeit:


Man gewinnt immer, wenn man erfährt, was andere von uns denken.“ 

Johann Wolfgang von Goethe

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